Die letzten Täler I - 03. Zu den Quellen
Was haben der Hund und der Kuckuck gemeinsam? Richtig, wenn man durchs Resiatal an der slowenisch-italienischen Grenze wandert, wird man beide zur Genüge hören. Vertreter des Einen kläffen in den Ortschaften, Vertreter des Anderen bilden die Geräuschkulisse abseits derselben. Dennoch ist eine Tour durch das Val Resia, in dem sich ein altslawischer Dialekt mit sage und schreibe fünfunddreißig Buchstaben erhalten hat, ein einmaliges Erlebnis.
Ich parke mein Auto am Weiler Poclanaz im hohen Gras. Um acht Uhr und fünfzehn Minuten starte ich und steige am Ende des Örtchens im Wald auf, wo ein Einheimischer mich offenbar Verwirrten darüber aufklärt, dass sich die Berge doch auf der anderen Talseite befinden. Bestätigend wandere ich weiter bis ich eine wunderschöne Lichtung erreiche, wo ich auf brachliegenden Wiesen bis zum Ortseingang von San Giorgio gelange.

Nach einer Ortsbesichtigung spaziere ich an der Kirche vorbei wieder in den Wald. In einem mehr und mehr vergessenen Weg geht es ständig Auf und Ab. Dann härt der Weg ganz auf, nur die Richtung scheint mir zu stimmen. Ich kämpfe mich durch die Botanik und stehe irgendwann inmitten eines von "Betreten-Verboten"-Schildern übersäten Privatgrundstück. Ich hüpfe über einen Zaun und steige zum "Centro Culturale" ab, dem Vorboten von Prato di Resia, welches ich kurz darauf erreiche.

Auch dieses Örtchen begutachte ich und wandere anschließend in östlicher Richtung weiter taleinwärts.

Eine Stunde und fünfunddreißig Minuten nach dem Aufbruch erriche ich einen hübschen Rastplatz oberhalb des Torrente Resia und gönne mir ein Frühstück in Form einer Wurstsemmel.

Ich breche auf und erreiche kurz darauf den Rundweg "Ta lipa pot" (slow. "Der schöne Weg"). Entgegen der Beschilderungsrichtung erreiche ich bald ein verfallenes Gehöft. Die Autoren der "letzten Täler" meinen, dass es nun an der Zeit wäre, nach rechts zu wechseln. Ich glaube dies nicht, steige links bergab bis in eine Schlucht und anschließend das steilste Stück des Tages bergauf. Doch was, wenn die Wegbeschreibung doch passt? Hätte ich nicht doch rechts gehen sollen? Also gut. Ich drehe um, steige das steilste Stück des Tages wieder bergab in die Schlucht und anschließend wieder bergauf bis zur Weggabelung und schlage den Weg nach rechts ein. Nach wenigen Metern offenbart sich mir: Fehlanzeige. Kein begehbares Gelände mehr. Offensichtlich ein Fehler in den "letzten Tälern". Also retour zur Weggabelung wieder runter in die Schlucht und das steilste Stück des Tages wieder hinauf. Neben vielen Nerven und Kraft kostet mich diese Unternehmung fünfundzwanzig Minuten.


In der Folge treffe ich wieder auf ein verfallenes Haus und wandere bis zum wunderschönen Wasserfall des Rio Potok.


Dort überquere ich den Bach und steige auf linker Seite leicht bis Stolvizza an, welches ich um halb Zwölf erreiche.

Wiederum eine Ortsbesichtigung. Anschließend den "Ta lipa pot" weiter in Gegenrichtung in den Wald. Schließlich führt mich mein Schicksal in eine gespenstische Häusergruppe namens Loo. Der Teufel muss hier aufgetreten haben als er nach Nordamerika übersetzte. Die allgegenwärtige Verdammnis dieses geographischen Weltenendes manifestiert sich mir gegenüber in Tropfen, die plätzlich vom Himmel fallen. Auf einem wertlosen Pfad verlasse ich diesen verfluchten Landstrich und als ich den Torrente Resia wieder überquere, klart auch der Himmel wieder auf.

Immer in Ufernähe quere ich drei Zuflüsse des Resia-Baches und steige bei einem verfallenen Wirtschaftsgebäude wieder in den Wald an. Etwa fünf Minuten geht es steil bergauf und plötzlich befinde ich mich am Rande eines großen Plateaus mit Blick auf Oseaco. Ich werfe mich in die Wiese und pausiere zehn Minuten.

Das überaus sympathische Oseaco erreiche ich um etwa dreizehn Uhr. Mir offenbaren sich eine gemütliche Dorfkneipe und ein kleiner Einzelhändler. Bei dieser Infrastruktur ist klar, dass es an Lebensqualität nicht fehlt, wie die hübsch gestalteten Einfamilienhäuser belegen. Die Bewohner grüßen mit einem freundlichen "Buon di" (friulanisch "Guten Tag") und schwatzen mit jedem Unbekannten über Gott und die Welt. Doch auch dieses nette Örtchen muss ich verlassen und gelange um etwa halb Zwei nach Gniva. Diese sehr kleine - aber typischerweise mit einer Kirche versehene - Ortschaft verlasse ich bald wieder und steige vorerst auf Asphalt ab, um dann rechts der Straße anzusteigen, wo ich einen wunderschönen Vertreter der Gattund Smaragdeidechse antreffe. Wir bedauern beide, dass ich mein Makroobjektiv nicht dabei habe, geben uns aber mit einer 135 mm - Brennweite für das Shooting zufrieden, bevor wir wieder unterschiedliche Richtungen einschlagen.

Nur wenige Minuten nach dieser einzigartigen Begegnung erreiche ich San Giorgio und kehre von dort auf mir bereits bekannten Weg nach Poclanaz zurück. Vom Einheimischen, der mich schon beim Aufbruch begrüßte, werde ich als ob ich sein bester Freund wäre willkommen geheißen. Das nachdrückliche Angebot auf den Vino bianco muss ich leider ausschlagen, da ich doch noch eine eineinhalbstündige Heimfahrt vor mir habe, die ich um vierzehn Uhr und fünfundzwanzig Minuten antrete.