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Die Teadin

Ein Holzmeister ging einmal von Deutsch-Griffen gegen Glödnitz. Ohne etwas zu merken, kam er an einem Gatter vorbei zum Langwieser, wo er Holzknechte auszuzahlen hatte. Er verweilte dort längere Zeit und machte sich erst spät in der Nacht auf den Heimweg. Der Mond schien hell. Aber beim Gatter stand jetzt ein Weiblein, das hatte die Hände vor der Brust übers Kreuz gefaltet. Ohne ein Wort zu sprechen, ging der Holzmeister an ihm vorüber. Auch das Weib rührte sich nicht und sprach keine Silbe. Der Holzmeister war bald daheim.
  Am nächsten Tag machte er denselben Weg wieder und hatte dasselbe Erlebnis: zuerst das Gatter allein, auf dem Rückweg wieder das stumme Weiblein und die stumme Begegnung. Nun wurde er doch stutzig, wagte es aber nicht, näher hinzutreten und das Weib anzusehen. In Griffen kehrte er im Wirtshaus ein und erzählte seine Begegnung. Ein Bursche bekam Lust, mit dem seltsamen Weiblein zu reden. Er ging noch in selbiger Nacht allein hinaus zum Gatter. So wie ihm erzählt worden, stand das Weiblein an derselben Stelle. Aber keine Frage brachte es aus seiner steinernen Ruhe. Da griff der beherzte Bursche nach den gekreuzten Händen und wollte sie auseinander ziehen. Da bemerkte er, dass sie zusammengenagelt waren. Nun betrachtete er den Hut des Weibleins: ein Strohhut, sehr breit und ungefüg. Er zog den Hut herunter und fühlte, dass dieser eiskalt war, wie steif gefroren. Nun versuchte er, die Krempe des Hutes zu verbiegen, erschrak aber vor einem seltsamen Geräusch und setzte ihn dem Weiblein wieder auf den Kopf. Dabei kam die abgebogene Krempe vor das Gesiicht des Weibleines und verdeckte es. Er wollte den Hut nun so drehen, dass das Gesicht herauskam, aber wie er auch daran zerrte, es war vergeblich. Endlich rief der Hut, nicht das Weiblein, dem er gehörte, mit drohender Stimme: "Lass mich in Ruh'!" Damit hatte der beherzte Bursche genug und kehrte in das Wirtshaus zurück, wo die andern noch auf ihn warteten. Bleich sank er auf einen Stuhl. Man drang in ihn, doch zu berichten, aber nur stockend entrangen sich die Worte seinem Mund. Je länger er erzählte, desto sicherer wurde es ihm nun, dass er durch die Berührung mit dem unheimlichen Weiblein selbst dem Tod verfallen war. Kurz danach brach er zusammen, das Totenweiblein aber hat man nie wieder gesehen.


 

 
   © 2006 by Markus Ertl •  markus.ertl@ktn.gde.at