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Das verlorene Lamm

Als ein Schuster abends seine Schafe von der Weide trieb, bemerkte er, dass ihm ein Lamm fehlte. Nach dem Abendläuten machte er sich auf die Suche. Im Wald sah er von weitem ein Feuer und ging ihm zu. Zu seinem größten Staunen sah er, dass sein Lamm bereits auf einem Bratspieß steckte und briet. Ein steinalter Mann mit langem, weißem Bart drehte den Spieß ständig um, damit der Braten nicht anbrenne. Furchtlos ging der Schuster zum Alten hin und setzte sich neben ihm nieder. Der Alte tat ihm nichts, sondern als der Braten fertig war, gab er ihm ein Stück davon zu kosten. Er ermahnte ihn aber, kein Knöchelchen wegzuwerfen, sondern ihm alle wieder zurück zu geben. Der Schuster konnte es nicht verwinden, dass ihm der Alte sein Lamm genommen hatte, wollte ihm einen Streich spielen und steckte ein Knöchelchen von seinem Braten in die Tasche. Die anderen Knochen gab er dem Mann zurück.
  Gegen Mitternacht begann der Alte die Knochen zusammenzustellen, zog die Schafhaut über sie, und siehe da, das Lamm stand wieder lebendig da und wollte auf Geheiß des Alten davonjagen. Jedoch konnte es nicht laufen, da ihm ein Glied fehlte. Jetzt merkte der wilde Mann, dass ihn der Schuster betrogen hatte, und wurde zornig. Diesem wäre es schlecht ergangen, wenn nicht im selben Augenblick die Kirchenuhr eins geschlagen hätte. Zugleich mit dem Glockenschlag verschwand der wilde Mann, und der Schuster hatte sein Lämmlein wieder. Es konnte aber leider nicht gehen. Der Schuster wandte sich an den Dorfältesten um Rat. Dieser hieß ihn das Schaf in der nächsten Nacht in den Wald tragen und es nebst dem Knöchelchen an dieselbe Stelle bringen. Dies befolgte der Schuster, und das Lamm kam tags darauf vollig gesund nach Haus.


 

 
   © 2006 by Markus Ertl •  markus.ertl@ktn.gde.at