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Am Schönsonntag

Unweit von Glödnitz steht das uralte Bauerngehöft "Beim Hardegger". Es war am Schönsonntag. An solchen Sonntagen hat jede Wallfahrt besondere Kraft, und jeder Wunsch geht in Erfüllung. Auch das Rosele, eine Kuhdirn beim Hardegger, wäre gern nach Zweinitz in einer bestimmten Angelegenheit gefahren. Sie bat daher die Bäuerin am Vorabend, ihr den morgigen Sonntag für diesen Zweck frei zu geben. Die Betreuung der Kühe werde die Saudirn übernehmen. Diese mochta aber das Rosele nicht leiden, und so versprach die Bäuerin, das Vieh am Schönsonntag selbst zu versorgen, wenn Rosele sie vor dem Weggehen wecke. Am Schönsonntag schlief die Bäuerin bis zur gewohnten Stunde und wurde von niemandem geweckt. Als sie in die Küche trat, schaltete dort bereits Rosele wie gewöhnlich. Aber im Gesicht war sie käseweiß und zitterte an allen Gliedern. Auf die eindringlichen und besorgten Fragen der Bäuerin gab sie keine Antwort. Erst lange Zeit darnach wagte sie ihr Erlebnis zu erzählen.
  Sie sei damals früh wach geworden, habe aber nicht gewusst, wie weit es an der Zeit sei. Munter sei sie aufgestanden und in den Stall gegangen, um die Kühe zu melken. Die Kühe seien selbst noch verschlafen dagelegen, als sie den Stall betreten habe. Nach dem Melken sei sie mit dem Milchgefäß in den Händen die Stiege zum Keller hinuntergegangen, wo die Milch im Sommer tagsüber aufbewahrt wird. Doch was war das? War die Tür über Nacht nicht abgesperrt worden? Ein dumpfes Geräusch drang aus dem Keller. Das Schloss war versperrt, und sie öffnete es. Durch das kleine Fenster in der dicken Mauer drang helles Mondlicht und fiel gerade auf das alte, große Krautfass, das im Winkel stand. Da kam etwas aus dem Winkel neben dem Krautfass hervor und trat in den Lichtkegel: ein altes, gebücktes Weiblein trug schwer an einem Gefäß und kam gegen sie heran, dass sie ausweichen musste, hart gegen die Wand. Was will denn die da herinnen? dachte sich die Magd nach dem ersten Schrecken und stellte die Milch auf den "Stellen", um beide Hände zum Zugreifen frei zu haben. Als sie sich aber nach dem Weiblein umdrehte, war es verschwunden. Da kam das Rosele ein solcher Graus an, dass es die Treppe hinauf hastete, die Kellertür hinter sich zuwarf und in der Menschenkammer den Kulter bis über die Ohren hinaufzog. "Du dummes Ding du", meinte die Bäuerin nach der Erzählung, "nun hast du dein Glück am Schönsonntag verscherzt. Hättest du schnell etwas in das Gefäß geworfen, so wäre der Schatz dein gewesen." - "Ja, wenn ich mit beiden Händen den Milchsechter hab halten müssen", war die Antwort der Dirn.


 

 
   © 2006 by Markus Ertl •  markus.ertl@ktn.gde.at