23. Oktober 2010
Heute packen wir gemütlich unsere Sachen und machen uns auf den Weg Richtung Friaul. Um etwa viertel Zehn treffen wir in Venzone ein, wo wir nach kurzer Stadtbesichtigung bemerken, dass heute das legendäre Kürbisfestival stattfinden wird. Wohl deshalb sind zu dieser für Südländer eher untypischen Zeit so viele Italiener auf der Straße.

Abb. 1: Lavendel-Tradition
Wir verlassen die Altstadt (232 m) und folgen einem Sträßchen Richtung Berg. Schon sehr bald zweigen wir nach links (Markierung Nr. 705) und steigen auf einem uralten Weg steil bergauf. Nach ca. 25 Minuten erreichen wir die Häusergruppe Mastrui (376 m).

Abb. 2: Alter Handelsweg
Auf dem nicht bloß mittelalterlichen sondern vielmehr altertümlichen Pfad steigen wir weiter steil bergauf. Mauerreste indizieren die Bedeutung dieser einstigen Handelsstraße. Es geht weiter und weiter und wir erreichen die Abzweigung zum Kirchlein San Antonio Abate, bei welchem - auf einem hübschen Aussichtspunkt gelegen - wir zwei Stunden nach Aufbruch eintreffen (852 m). Wir pausieren etwa eine halbe Stunde und mampfen Markis leckere Wurstsemmeln.

Abb. 3: Die Kirche San Antonio Abate

Abb. 4: Rückblick auf Venzone
Wir wenden uns retour bis zur Weggabelung und steigen äußerst steil etwa dreißig Minuten in eine Schlucht ab (420 m). Weiter geht es auf einem atemberaubenden Pfad neben dem wilden Fluss.

Abb. 5: In der Schlucht
Abb. 6: Sehr viel Wasser

Abb. 7: Der Venzonassa entlang
Auf miserabel markierten Wegen kämpfen wir uns schließlich durch eine dschungelgleiche Vegetation, durchsetzt mit typischem friulanischen Blockgestein. Es geht wieder bergauf, einzelne runtergekommene Häuser tauchen im Nirgendwo auf. Die Urschreie der Eingeborenen motivieren uns dazu, flott weiter nach oben zu steigen.

Abb. 8: Das typische Gesicht Friauls

Abb. 9: Weiter aufwärts
Völlig weg- und markierungslos wenden wir uns aufwärts bis wir auf ein Wegkreuz stoßen. Von dort - so wissen wir - ist es nicht mehr weit zur Forca di Ledis, die wir bald darauf erreichen und damit einem abrupten Szenenwechsel gegenüberstehen (875 m).

Abb. 10: Übergang an der Forca di Ledis

Abb. 11: Auf dieser Tour omnipräsent: Maria
Das Bühnenbild ändert sich in Sekunden. Aus dichtem Wald stoßen wir an der Forca di Ledis auf karawankenähnliche Verhältnisse. Durch Schuttgestein rutschen wir in Richtung Tal. Ein beeindruckender Weg schlängelt sich nach unten. Doch für uns Koschutnikturm-Ostschluchtbezwinger unproblematisch.

Abb. 12: Wieder am Weg
Eine halbe Stunde nach dem Übergang erreichen wir eine große Wildbachverbauung und wandern auf nunmehr schönem Steig weiter talauswärts. Schon bald stoßen wir auf ein militärisches Übungsgelände, welches wir durchschreiten (316 m).

Abb. 13: Endspurt
Wir erreichen ein asphaltiertes Sträßchen, welches wir bis zur Strada dei Celti entlang wandern. Auf dieser marschieren wir schließlich bis Borgo San Giacomo und etwas später zu unserem Ausgangspunkt Venzone.

Abb. 14: Venzone
Dort ist das zwanzigste Kürbisfest in vollem Gang, Hofnarren und Italiener dringen auf die unzähligen Besucher ein. Die riesige Volksflut wird apostrophiert von lärmenden Mittelaltergedudel und teilnahmslos blickenden Kaufleuten. Insgesamt sind wir froh um etwa 15.30 Uhr unser Auto wieder zu erreichen und Richtung Heimat aufzubrechen.
3. Oktober 2010
Der Lärchenturm-Klettersteig in der Koschuta steht schon seit längerer Zeit auf unserer Wunschliste und heute haben wir beschlossen, uns diesem Ziel zu widmen. Natürlich ist es uns nicht bewusst, dass wir an diesem Saisonabschlusssteig und dessen Nebenschauplätzen auch gleichzeitig eine körperlich und psychisch fordernde Grenzsituation erleben sollen.
Nachdem das Koschutahaus nur etwa eine dreiviertel Autostunde entfernt ist, schlafen wir etwas länger und brechen kurz vor 09.00 Uhr am Parkplatz auf. Dichter Hochnebel verdeckt die Sicht auf die nahen Felsriesen.

Abb. 1: Aufstieg im Nebel
Kurz vor Erreichen des Einstiegs zum Klettersteig auf den Lärchenturm durchbricht die Sonne den Nebel und eine gigantische Bergkulisse bäumt sich plötzlich unmittelbar vor uns auf.

Abb. 2: Wetterbesserung am Einstieg
Der Einstieg hat es schon in sich. Einige C/D-Stellen und eine D-Stelle repräsentieren den knackigen und langen Steig.

Abb. 3: Klettern am Einstieg
Recht zügig und anspruchsvoll geht es nach oben. Das Wetter wechselt minütlich. Der Nebel zieht schnell an uns vorbei.

Abb. 4: Im Steig
Der Steig ist wohl eher für männliche Aspiranten geeignet, immerhin wird viel Armkraft benötigt, um die fehlenden Felstritte auszugleichen. Auch die Steiglänge, für deren Überwindung man etwa zwei Stunden benötigt, ist nicht zu unterschätzen. Das Highlight der Ferrata ist wohl die letzte senkrechte Wand im D-Schwierigkeitsgrad, die ich aufsteige …

Abb. 5: Senkrechter Aufstieg
… während Sabine sich der offensichtlich kaum weniger schwierigen C/D-Aufstiegsvariante widmet.

Abb. 6: Sabine im Aufstieg
Etwas mehr als drei Stunden nach Aufbruch erreichen wir den überdimensionalen Karabiner am markanten Lärchenturm.

Abb. 7: Am Lärchenturm
Schließlich steht noch eine große Herausforderung bevor: Der etwa fünfzehnminütige Abstieg über die senkrechte Wand, welche mit einem überhängenden Kamin, einer D-Stelle (im Abstieg!) sein Ende findet. Wir steigen äußerst langsam ab und freuen uns wie junge Hunde, als wir zwar etwas ramponiert aber fröhlich das Ende des Klettersteigs erreichen.

Abb. 8: In der Abstiegswand
Wir setzen uns in die Sonne, teilen mit einer neugierigen Dohle unsere Wurstsemmelration und trinken ein wohlschmeckendes Bier und einen nach der Aufregung hervorragend die Psyche beruhigenden Vodka. Unterdessen beobachten wir einige Ferratisten, die den Aufstieg auf den Lärchenturm mehr oder weniger elegant hinter sich bringen.
Schließlich steigen wir am Gegenhang weiter auf, den Lärchenturm im Rücken.

Abb. 9: Rückblick auf den Lärchenturm
Der weitere Aufstieg fällt uns (mittlerweil konditionell gut trainierten Personen) leicht und wir erleben am Lärchenberg ein gewaltiges Panorama. Über dem Nebelmeer an der österreichisch-slowenischen Grenze erheben sich lediglich die höchsten Gipfel der Steiner Alpen, während die restliche Welt im Weiß des Nebels liegt.

Abb. 10: Über dem Nebelmeer
Auch wenn Sabine vom Anblick kaum lassen kann, müssen wir weiter.
Wir steigen äußerst lange am Grat entlang, der Nebel zieht abwechselnd von beiden Seiten hoch und das Wetter wird immer ungemütlicher. Es geht weiter und weiter. Eigentlich wollen wir den ÖTK-Klettersteig unterhalb des Koschutnikturmes erreichen, dass wir diesen inmitten des Nebels nicht finden können, bemerken wir erst, als sich ein großes Gipfelkreuz vor uns auftut. Wir haben den Koschutnikturm erreicht, sind viel zu weit gegangen.

Abb. 11: Am Koschutnikturm
Wir irren auf der Suche nach dem Einstieg zum ÖTK-Klettersteig umher, können diesen jedoch weiterhin nicht finden. Also wenden wir uns nach rechts. Wir beschließen, uns einer weiteren Herausforderung zu stellen und steigen durch die steile und steinschlaggefährdete Ostschlucht ab.

Abb. 12: Einstieg in die Ostschlucht
Die Ostschlucht des Koschutnikturms gilt durch den Steinschlag nur mehr als Notabstieg. Da aber hinter uns niemand in die Schlucht einsteigt, stellt dies kein weiteres Problem dar - das etwas mulmige Gefühl in der Bauchgegend lässt sich trotzdem nicht so schnell vertreiben. Auch wir treten mit jedem Schritt eine Myriade an Steinen los, die durch die enge, manchmal 55° steile Schluchtrinne krachen. Mehrere mehr oder weniger gut gesicherte Steinbrüche erschweren den Abstieg.

Abb. 13: (Gesicherter) Abstieg in der Ostschlucht
Nässe, Nebel und Feuchtigkeit lassen den Abstieg zu einer Herausforderung werden.

Abb. 14: Letzte Überwindung der Ostschlucht
Doch mit etwas Mut und Kreativität lässt sich jede Schlucht bezwingen und wir steigen auf dem losen Gesteinsmaterial ab zum Pfad, der den Kärntner Grenzweg markiert. Erleichert, die Ostschlucht hinter uns gelassen zu haben, wandern wir am sympathischen Weg noch etwa eineinhalb Stunden weiter.
Insgesamt sind wir etwa neun Stunden unterwegs bevor wir das sympathische Koschutahaus erreichen. Angesichts unserer Erlebnisse kocht uns der Hüttenwirt gerne eine Selchwurst und wir begießen unser Erlebnis mit einem (oder zwei) leckeren Bieren.