Heute machen wir uns auf, um die Weißenbachscharte (1.900 m), die engste und im Ersten Weltkrieg massiv umkämpfte Bergenge der Julischen Alpen, vom Riofreddo-Tal hin zum Predil-Tal zu überschreiten. Wer auch immer dieser Carlo Puppis gewesen sein mag, der versicherte Steig über dieses Felsentor trägt seinen Namen und beschert uns heute allerhand Überraschungen.
Hochmotiviert starten wir um 05.30 Uhr in den Tag, packen unsere Sachen, laden die Fahrräder ein und düsen nach Riofreddo, einige Kilometer von Tarvis gelegene malerische Altstadt mit künstlerischem Ambiente. Vorher jedoch entledigen wir uns meines Mountainbikes und Sabines radähnlichen Gefährtes im Seebachtal an jener Stelle, an der wir gedenken, unsere Tour zu beenden. Dank Sabine erfahren die Fahrzeuge eine professionelle Tarnung. Kurz nach halb Acht Uhr morgens starten wir im wunderschönen Riofreddo und wandern den uns bereits seit unserer Überschreitung im April dieses Jahres bekannten Weg durch das - nun tatsächlich ohne Ironie gemeinte - beeindruckende Riofreddotal. Die Nebel verziehen sich und gewähren einmalige Ausblicke auf den Gamsmutterzug mit Wischberg, Montasch und den weiteren üblichen Verdächtigen.

Abb. 1: Die Nebel ziehen hoch, die Berge kommen

Abb. 2: Gemütliche Einstimmung vor malerischer Bergkulisse
Wir sind etwa eine Stunde und fünfzehn Minuten unterwegs und erreichen die uns bereits bekannte Alm kurz vor dem Kaltwasser-Talschluss.

Abb. 3: Im Valle di Riofreddo
Während wir uns im heurigen April hier nach links wandten um anschließend den Riofreddo zu durchwaten, halten wir uns heute an die Wegführung und steigen weiter bis zum unmittelbaren Talschluss, abwechselnd steil bergauf und eben, immer jedoch auf schönem Weg.

Abb. 4: Am Weg in Richtung Talschluss
Nach einer ordentlichen Anzahl von zurückgelegten Höhenmeter folgt die ebenso ordentliche Anzahl von zurückzulegenden Höhenmetern nach unten. Wir weichen von der Hauptwegmarkierung ab und steigen bis zum Fluss ins Tal ab. Über den Fluss hüpfen wir locker drüber, um anschließend wieder kurz aufzusteigen, bevor wir uns inmitten von Latschenkiefern, die von Myriaden von Insekten bevölkert werden, eine wohlverdiente Pause und eine wie üblich von mir professionell gestaltete Wurstsemmel gönnen.

Abb. 5: Flussquerung
Anschließend geht es sehr steil und sehr unwegsam nach oben. Über feinen Schotter, durchsetzt mit brüchigen und losen Grobschotterstücken kämpfen wir uns Höhenmeter für Höhenmeter nach oben. Unzählige Serpentinen werden bewältigt während wir uns mehr und mehr vom Tal entfernen. Die grandiose Felsszenerie öffnet sich direkt vor uns.

Abb. 6: In Richtung Weißenbachscharte

Abb. 7: Sabine, weit oben
Schließlich gelangen wir zum versicherten Steig, dessen Tücke wohl darin liegt, genau dort versichert zu sein, wo Versicherungen nicht notwendig sind. An den anderen Stellen - da kommen wir natürlich auch drüber. Für trittsichere Bergerfahrene ein Genuss.

Abb. 8: Mal rauf, mal runter
Das gesamte Riofreddotal präsentiert sich uns gemeinsam mit dem sympathischen Bergzug jedenfalls als Spinnen-Eldorado. Obwohl wir beide nicht sehr ängstlich sind, zollen wir den oft faustgroßen Viechern, die es sich offensichtlich zum Ziel gemacht haben, unseren Weg vollständig zu verspinnen, unseren Respekt.

Abb. 9: Thekla, stellvertretend für Tausende weitere
Je höher wir kommen, desto grandioser präsentiert sich uns das Ambiente der Julischen Alpen. Der kürzlich von uns erklommene Mangart kann sich offensichtlich nicht entscheiden, ob ihm die beeindruckende Wolkendecke steht oder nicht.

Abb. 10: Bergszenerie, rechts nebelverhangen der Mangart
Schließlich erreichen wir die vor knapp hundert Jahren stark umkämpfte Weißenbachscharte. Während der Aufstieg ordentlich abgesichert ist, fehlt im Abstieg jegliche Sicherung. Auch wenn wir unser Klettersteigset kaum gebrauchen, sind wir glücklich über unseren Helm, der in diesem steinschlaggefährdeten Gebiet eine unabdingbare Notwendigkeit darstellt.

Abb. 11: Weißenbachscharte
Als wir die Scharte hinter uns lassen, pausieren wir neuerlich kurz und gönnen uns den wohl verdienten Gipfelvodka. Dabei bemerken wir Interessenten unseres Abstiegs, die uns eine zeitlang in der Ferne beobachten werden. Eine größere Gruppe von Gämsen scheint sich für unsere Unternehmung zu interessieren.

Abb. 12: Unter Beobachtung
Wir erreichen einen einigermaßen ordentlichen Pfad und steigen steil ab. In etwa fünfundvierzig Minuten nach Querung der Scharte erreichen wir das Brunnerhaus und die “Zivilisation”. Sehr anstrengend und ermüdend präsentieren sich die weiteren achtzig Minuten durch den Wald bis ins Seebachtal, wo wir unsere Räder fachgemäß verstaut haben.

Abb. 13: Fortbewegungsmittel, dank Sabine perfekt getarnt
Anschließend kurven wir bis zu unserem Zwischenziel, dem uns hübsch in Erinnerung gebliebenen Gasthaus am Lago del Predil. Hier offenbart sich uns die andere Seite Norditaliens: Dem Alkohol verfallene, in Bussen gepfercht zum Predilsee getriebene Menschenmassen mit bunten Hüten und blinkenden Nichtsnutzigkeiten. Ein Synthesizerspieler, der seinen Azzuro wie die sechste Posaune des apokalyptischen Reiters in das völlig übersteuerte Mikrophon rülpst. Bedienungspersonal, dessen zombiehaftes Wesen einer erfolgreichen Neuverfilmung von Resident Evil zur Ehre gereichen würde. Schnurstracks kurven wir weiter und wir erreichen etwa sieben Stunden und zwanzig Minuten nach Aufbruch unser Auto im wunderschönen Weiler Riofreddo.

Abb. 14: Adäquates Fortbewegungsmittel für das vergessene Raibl